Vom Unvermögen der Fernsehmacher

In seinem hervorragenden Artikel "Vom Volk bezahlte Verblödung" in der ZEIT vom 29. Juli beleuchtet Jens Jessen die Hintergründe der Niveauarmut des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Schlüssig arbeitet er heraus, wann eine pauschal erhobene Rundfunkgebühr allenfalls gerechtfertigt wäre: nämlich, wenn sie Unabhängigkeit herstelle, "die zu einem idealistischen Handeln befähigt". Als Prüfstein legt Jessen die Orientierung an moralischen, kognitiven und ästhetische Normen an, am Guten, Wahren, Schönen also.

Als Erklärung dafür, warum die Fernsehmacher auf die Quote starren, wie das Kaninchen auf die Schlange, und dadurch in den Niederungen der seichten Unterhaltung bleiben, bietet Jessen drei Antworten: Erstens, ihnen gefällt, was sie tun. Zweitens, sie schauen voller Verachtung auf die Masse, denen sie vorsetzen, was ihnen selbst niemals genug wäre. Schließlich: Die Quote dient als Rechtfertigung für das Programm und damit die eigene Existenz.

Es ist anzunehmen, dass in allen drei Argumenten ein Teil der Wahrheit steckt. Die Sorge vor finanziellen Einschnitten dürfte ein nicht unerheblicher Grund sein, warum immer wieder auf die Quote verwiesen wird. Die wird zur Bestandsgarantie.

Mir scheint das Problem noch elementarer. Es begründet sich mit dem Unvermögen der Fernsehmacher. Während einer fast 30-jährigen Quasi-Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk ist eine ganze Generation von Fernsehleuten herangewachsen, denen die Quote maßgeblicher Qualitätsnachweis ist. An den einschlägigen Hochschulen (häufig in sendernahen Instituten), bei Hospitanzen und Redaktionsvolontariaten haben sie nicht nur gelernt, die Quote immer mitzudenken, sondern auch - und schlimmer - ein Programm zu machen, dass sich an den (vermeintlichen) Sehngewohnheiten der Zuschauer orientiert. Dazu gehört der Anspruch, den Zuschauer nicht zu überfordern und, vor allem, für alle verständlich zu bleiben.
 
Wer heute bei ARD oder ZDF Chef vom Dienst ist, wird Schwierigkeiten haben, das auszublenden, was in der bisherigen Karriere Richtschnur war. Wer jahrelang als Redakteur gearbeitet hat, ist so vertraut mit der angeblich richtigen Dramaturgie, der inhaltlichen Tiefe und der vorgegebenen Länge eines Beitrags, dass ein Ausbruch aus diesem Muster wohl kaum gelingt. Wer als Novize zum Sender kommt, wird nicht gleich das Programm revolutionieren wollen, sondern sich an den bestehenden Konventionen orientieren.

Was also braucht es? Neben dem politischen Willen und der damit einhergehenden Forderung nach einem qualitativ höherwertigen Programm auch die Bereicherung durch Leute, die nicht aus den Kaderschmieden des öffentlich-rechtlichen Kosmos stammen. Die Zusammensetzung der Redaktionen sollte interdisziplinärer werden. Das (private) Zeitungswesen, das dem Fernsehen in Hinblick auf Niveau und Vielfalt weit überlegen ist, könnte dafür ein Beispiel sein.