Die Zeit läuft

Bekanntermaßen ist das Leben voller Überraschungen. Das kann Gutes verheißen, aber auch unerfreulich sein. Nicht anders verhielt es sich bei der 10. Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 27. September in Berlin. Gemeint ist nicht das Motto der Tagung „2050: Die Uhr neu stellen“. Denn wie eine Bemerkung aus dem Publikum deutlich machte, diente noch jede Tagung des Nachhaltigkeitsrates in den vergangenen zehn Jahren dazu, darauf zu verweisen, dass es an der Zeit sei zu handeln.

Wenig Neues bot auch der Vortrag des UN-Sonderbeauftragten für das Recht auf Ernährung, Prof. Dr. Olivier de Schutter, der über die Beziehung von Nachhaltigkeit und Menschenrechten referierte. Wobei seine Botschaft wohl nicht oft genug wiederholt werden kann: Reiche Länder erhöhen die Zufriedenheit ihrer Bevölkerung nicht dadurch, dass sie ihren Wohlstand mehren. Wichtiger sind andere Faktoren, wie das Recht auf Bildung, auf freie Entfaltung, auf Teilhabe oder der gesellschaftliche Zusammenhalt. Diese gelte es zu stärken, den Konsum aber zu senken und damit das Klima zu schonen.

Hätte sich die Bundeskanzlerin in ihrer Ansprache nicht nur zum Ziel der nachhaltigen Entwicklung und zur Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien bekannt, sondern das Plenum einen Tag vor der Verabschiedung des Energiekonzepts der Bundesregierung in einem leidenschaftlichen Plädoyer für einen Ausbruch aus den traditionellen Denkmustern mitgerissen, wäre das eine Überraschung gewesen. Merkel aber sprach über die Energieversorgung der Bundesrepublik und verwies auf das Problem, dass viele Menschen zwar für erneuerbare Energien seien, die dann erforderlichen Leitungen aber nicht in ihrer Nachbarschaft dulden wollten.

Von Gleichberechtigung weit entfernt

Und die Überraschungen. Die Zusammensetzung des Rates weist ein Geschlechterverhältnis auf, das nicht mehr zeitgemäß ist. Von 15 Ratsmitgliedern sind elf männlich. Und beim Abschlussplenum der Tagung waren gar sieben Männer auf dem Podium vertreten. Frauenanteil: null.

Das passt zu dem vom Nachhaltigkeitsrat in Auftrag gegebenen und vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Indikatorenbericht 2010, der bei der Nachhaltigkeitsentwicklung Deutschlands überwiegend zu positiven Ergebnissen kommt, bei der Betrachtung des sozialen Zusammenhalts aber Fehlentwicklungen registriert. Bei der Gleichberechtigung, die sich am Verdienstabstand zwischen Mann und Frau bemisst, stellt der Bericht fest, dass sich die Wegstrecke zum erreichten Ziel nicht verringert, sondern vergrößert. Sollten Frauen 2010 einen durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienst erreichen, der – schlimm genug – maximal 15 Prozent unter dem der Männer liegt, verdienen Frauen in gleicher Position bei gleicher Qualifikation im Schnitt immer noch 23 Prozent weniger als Männer.

Von den Chancen der Investitionswende

Der Höhepunkt der Veranstaltung war die so kluge wie inspirierende zweite Carl-von-Carlowitz-Vorlesung, benannt nach dem Begründer des Nachhaltigkeitsbegriffs. Prof. Dr. Carlo C. Jaeger, Leiter des Forschungsfeldes Transdisziplinäre Konzepte und Methoden am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, entführte die Hörer in seinem Vortrag „Wirtschaft. Wissenschaft. Nachhaltigkeit“ auf eine Zeitreise. Aus Kennzahlen wie der Wachstumsentwicklung der USA, Deutschlands und Chinas seit 1820 und der Brutto-Investitionsquote leitet Jaeger ab, dass sich Deutschland in eine falsche Richtung bewege.

Während die Brutto-Investitionsquote in den USA seit 35 Jahren konstant bei 20 Prozent liege, sei sie in Deutschland von 30 auf unter 20 Prozent gesunken, während sie in China von 30 auf 45 Prozent gestiegen sei. „Der Rückgang der Investitionen ist Ausdruck der gesellschaftlichen Resignation“, sagte Jaeger. Deutschland brauche daher eine Investitionswende, eine Steigerung der Investitionen um 50 Prozent. Wirksam eingesetzt, ließen sich durch die zusätzlichen Investitionen in Milliardenhöhe nicht nur die Nachhaltigkeitsziele besser verwirklichen, sondern führten auch zu mehr Wachstum und einer niedrigen Arbeitslosenquote.

Das hatte die Bundesregierung nach der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise zwar auch begriffen. Die Signale im Zusammenhang mit der Förderung von Straßenbau und -reparatur und der Abwrackprämie, deuteten allerdings nicht auf eine Nachhaltigkeitsstrategie hin.

Neues ökonomisches Denken erforderlich

Jaeger betonte, dass ein neues ökonomisches Denken angebracht sei: Wirtschaftliches Wachstum und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus. Nachhaltige Investitionen können eine ebenso hohe Rendite bringen wie konventionelle Investitionen. Wachstum ist kein Selbstzweck, sondern dient aus Sicht der Ökonomie dazu, Wohlstandsungleichheiten aufzuholen.

Unter der Prämisse einer Veränderung im ökonomischen Denken skizzierte Jaeger seine Wünsche für das Jahr 2050, in der kinderfreundliche Städte ebenso Realität seien wie weniger versiegelte Böden; in der ein fruchtbarer Dialog mit China über die Frage, wie nachhaltige Wirtschaft funktionieren kann, besteht; in der jedes Kind Bildung genießt; in der es gelungen ist, eine Kultur des Alters zu entwickeln.

Es wäre gut, solche Aussagen häufiger von Ökonomen zu hören.