Denn wir wissen, was zu tun ist

Währungs- und Wirtschaftsturbulenzen, Wetterkatastrophen, Lebensmittelskandale. Die Liste der Themen, die in den letzten Jahren für Erschütterung sorgten, ist lang. Verunsicherung ist die Folge. Und die Lage ist so angespannt wie ambivalent. Noch halten sich die Auswirkungen der oft zitierten German Angst in Grenzen. Überwiegend gelassen reagieren die Menschen auf die aktuellen Krisen: Weder bildeten sich im Herbst 2008 lange Schlangen vor den Geldautomaten, als die Finanzkrise alte Gewissheiten über Nacht zunichte machte. Noch artikulierte sich lauter Unmut, als in der Folge Steuergelder in schwindelerregender Höhe erst an Banken, später an Staaten weitergereicht wurden. Was hätte man auch angesichts der als alternativlos skizzierten Situation auch tun sollen? Und ebensowenig kam es während des jüngsten Lebensmittelskandals, als Dieselrückstände Futtermittel verseuchten, zu einem nationalen Aufstand gegen die Machenschaften der Lebensmittelindustrie. Ganz pragmatisch griffen die Bürgerinnen und Bürger zu Bio-Eiern und mieden Geflügel und Schwein – zumindest vorübergehend. Empörung? Ja. Doch von Hysterie keine Spur.

Anders verhält es sich bei den medialen Aufregern wie Stuttgart 21, der Sarrazin-Debatte, dem Doktorschwindel des fränkischen Freiherrn oder dem Atomdeal der Bundesregierung mit den Energiemonopolisten. Hier kocht der Volkszorn. So verschieden die Fälle auch sein mögen – gerade in Hinblick auf ihre gesellschaftliche Bedeutung –, so gibt es doch bindende Elemente: Diese Themen polarisieren die Massen. Ein Hinweis darauf, dass fundamentale Werte berührt sind, entlang derer gesellschaftliche Konfliktlinien verlaufen. Atom und der Bau des Bahnhofs waren aus Sicht einer konservativen Klientel Signa einer fortschrittlichen, technologisch versierten Gesellschaft. In Anbetracht der durch Globalisierung, Wertewandel und Pisa-Schock ausgelösten Unsicherheiten diente diese Technologie-Fixierung als letzte Bastion in einer sich wandelnden Welt.

Um die Glaubwürdigkeit der Eliten ist es schlecht bestellt

All diese Streitpunkte drehen sich zugleich um die Glaubwürdigkeit der Entscheidungsträger. Offenbar fühlen sich Bürgerinnen und Bürger von der politischen Klasse nicht ernst genommen – bei vollem Bewusstsein darüber, dass die wirtschaftliche Elite längst abgekoppelt in anderen Sphären schwebt.

Gleichzeitig zeigt sich auch, dass die Politik mit den vielen Krisen überfordert ist. Von der Krise als produktivem Zustand, wie Max Frisch einst formulierte, kann längst keine Rede mehr sein. Zu wenig gelingt es, die notwendige Bedingung zu erfüllen: ihr den Beigeschmack der Katastrophe zu nehmen. Vergleichen lässt sich die Situation mit dem Spiel Mikado. Ein Stäbchen zu retten, ohne die anderen zittern zu lassen, mag funktionieren. Wer es auf zu viele Stäbchen auf einmal absieht, braucht eine sehr ruhige Hand. Die scheint die Politik derzeit nicht zu haben.

Die eigenen Möglichkeiten werden oft übersehen

Diese Kaprizierung auf medial prima ausschlachtbare Erregungszustände hat bei aller emanzipatorischen Signalwirkung auch ihre Schattenseiten. Zu leicht machen es sich die Menschen, indem sie stets auf andere deuten und eine Mitschuld an gesellschaftlichen Missständen von sich weisen. So begrüßenswert der lautstark artikulierte Wunsch nach mehr Mitbestimmung ist, so zahlreich sind die bereits vorhandenen Möglichkeiten. Nur werden sie bislang selten genutzt. Wollen Bürgerinnen und Bürger ernst genommen werden, ein stärkeres politisches Mitspracherecht genießen, müssen sie auch bereit sein, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Viel zu häufig allerdings führen habitualisierte Verhaltensweisen zu unbeabsichtigten Effekten. Und zu selten wird die Frage zentrale Gegenwarts- und Zukunftsfrage diskutiert: Wie wollen wir leben? Aus dem Abgleich mit der Realität entwickelt sich eine Agenda, die es abzuarbeiten gilt. Schnell wird dabei deutlich, dass diese Übung mehr erfordert, als in das medial verstärkte Empörungsgeschrei einzustimmen. Nicht zu warten, welche Sau als nächstes durchs Dorf getrieben wird, sondern die Störschweine des Alltags ausfindig zu machen, ist dann gefragt.

Kleine Schritte gehen, statt auf die großen zu warten

Reflektion steht also auf dem Programm. Sie ist nötig, um die Schizophrenie aus den Köpfen zu verbannen. Denn es ist alltäglich geworden, Dinge anzuprangern und sie gleichzeitig zu unterstützen. In vielen Alltagsentscheidungen spiegelt sich dieses Dilemma wider: Über Fastfood meckern, aber in der Mittagspause zu McDonald’s rennen. Tierschutz gutheißen und trotzdem jeden Tag Fleisch essen. Soziale Ausbeutung verurteilen, aber T-Shirts für den Wert eines Dönertellers kaufen. Die zunehmende Verstopfung der Innenstädte durch den individuellen Personenverkehr beklagen, ohne dem ADAC den Rücken zu kehren – mit über 16 Millionen Mitgliedern immerhin Deutschlands größte zivilgesellschaftliche Organisation und ein ständiger Vetospieler, wenn es darum geht, den Umweltschutz vor Ort zu stärken. Gegen Atomenergie demonstrieren, den Stromanbieter aber immer noch nicht gewechselt zu haben. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Anders als landläufig gedacht, sind es nicht die vermeintlich großen Projekte, die den Ausschlag geben. Es sind die kleinen.