Körper erzählt wahre Geschichte

Der Weisheit des Körpers vertrauen

Kategorie(n): Gestalttherapie
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Es scheint ein grundlegendes Missverständnis in Hinblick auf Psychotherapie zu geben: Weil die Psyche sich auf die geistigen Persönlichkeitsmerkmale bezieht, redet man in einer Psychotherapie. Anders als in einer Physiotherapie. Da wird der Körper behandelt. Und wie drückt sich die Psyche aus? Verbal? Nicht nur. Man könnte sagen: Der Körper sagt mehr als tausend Worte. Schließlich manifestiert er unsere Erscheinung, unser in der Welt sein. Wie könnte er da nicht aufschlussreich sein, auch für psychische Probleme.

Was mich seit jeher an Gestalttherapie fasziniert, ist, wie durchdringend und wirkungsvoll sie rüberkommt. Schnell wird klar: Es geht ans Eingemachte. Es ist kein Spiel, kein blabla. Wer einfach eine Geschichte erzählen will, kommt damit nicht weit. Erstens langweilen Geschichten schnell, zumindest wenn es einen Rahmen gibt, der so viel mehr erlaubt. Zweitens führen sie meist nicht weiter. Denn die Geschichten denken wir uns aus, wir bereiten sie vor, wir zielen vielleicht auf einen bestimmten Effekt ab, etwa dass die anderen lachen, uns für sympathisch, klug oder kompetent halten. Für therapeutische Entwicklung braucht es aber mehr als den Kopf. Deswegen sind viele Menschen oft selbst nach mehreren Therapien einfach frustriert. Sie haben nur geredet – und sind dabei unversehens an den eigentlichen Themen vorbeigehuscht.

Das Aufregende an Therapie: Es geht um alles

Wenn hingegen das Herz hüpft, das Adrenalin durch den Körper rauscht und du spürst, dass es gerade um alles geht, ist die Chance groß, dass etwas Neues geschieht. Im Gehirn feuern die Neuronen und es bilden sich neue Nervenbahnen. Oder ein Anteil, der lange nicht sein durfte, wird endlich gefühlt und damit ein Stück integriert. Oft ist das wie ein Wunder. Es geschieht etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt, dafür einfach berührt. Unabhängig ob im Einzelsetting oder bei Seminaren wie der Heldenreise – wenn ich solche Prozesse begleiten darf, empfinde ich große Dankbarkeit.

Körper und Gefühle sind also ein Schlüssel im Prozess der Ganzwerdung, der Integration. Denn darum geht es doch im Kern: Uns ganz anzunehmen. Auch die Teile, die wir verdrängt und verleugnet haben, die im Unbewussten oft jahrelang versuchen auf sich aufmerksam zu machen, was zu Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit, Süchten und Ablenkung führt. Was auf Dauer krank macht. Gleichzeitig haben wir Anteile, die uns auf jeden Fall davor bewahren wollen, an diese verborgenen Aspekte unserer Psyche heranzukommen. Denn dann geht es auf unbekanntes Terrain. Das macht Angst. Und Angst wollen wir nicht erleben. Lieber bleiben wir also im gewohnten Sumpf aus alten Geschichten, Ausreden, Entschuldigungen. Wir drehen uns im Kreis, Runde um Runde, ohne es wirklich zu merken. Und wenn wir es merken, vergessen wir es wieder, verdrängen es. Unser schlaues Gehirn schafft das schon.

Der Körper kann nicht lügen

Der Körper hingegen kann das nicht. Er kann nicht wirklich verbergen, was vor sich geht. Kann er doch? Ja, er kann sich steif machen. Man kann ­– ganz unbewusst – die Muskeln anspannen, bis die Faszien diese Aufgabe übernehmen und die Muskulatur verkleben. Man kann – ganz unbewusst ­– die Atmung verringern, bis man nur noch wenig fühlt. Genauso kann man sich – ganz unbewusst – ein Dauerlächeln ins Gesicht zimmern, um bloß keine Angriffsfläche zu bieten. Für sehr viele Menschen sind diese Muster ganz normal. Ohne es zu wissen zwingen sie sich dazu, einfach zu funktionieren. Sie schneiden sich von sich selbst ab: von ihrem Körper, ihren Gefühlen, ihren Bedürfnissen. Von dem also, was uns zu lebendigen Menschen macht.

Therapeut*innen brauchen den Mut zu benennen, was ist

Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, braucht es oft ein Gegenüber, das den Mut hat zu benennen, was es wahrnimmt. Das kann durchaus mal konfrontativ sein. Gleichzeitig basiert es auf der Partnerschaft mit dem Teil des Klienten oder der Klientin, der gesunden will. Der darauf aufmerksam macht, dass es so nicht weiter geht.

Als Therapeut bin ich nah am Körper der Menschen, die ich begleite. Der Körper kann auch das ausdrücken, was wir nicht wissen. Wir sind nicht nur Verstand. Umso wichtiger sind therapeutische Verfahren, die dem Körper die Aufmerksamkeit schenken, die ihm gebührt.

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